Veranstaltungen
Ringveranstaltung am 20./21.09.2024
Geht die Welt kaputt?
Heranwachsende in einer sich wandelnden Gesellschaft
Zu ruhig, meint die Kollegin von Psychologists / Psychotherapists for Future, laufe das hier ab. Da sei zu wenig Aufregung in der Debatte, zu wenig Emotion, sie kenne das ganz anders, viel hitziger und „kontroverser”. Da ist es das erste Mal: das „K-Wort”, das uns die nächsten zwei Tage verfolgen wird. Wie kontrovers dürfen wir sein, wieviel Kontroverse halten wir aus, wollen wir überhaupt kontrovers sein?
Wir stehen an Stehtischen, um die sich kleine Diskussionsgruppen aus Ausbildungsteilnehmern und SIMKI-Mitgliedern gebildet haben. An jedem Tisch wird aus der Sicht eines unserer sechs Therapieverfahren ein Impulsvortrag zur Klimakrise diskutiert. Die Kollegin hat recht: hitzig ist es nicht gerade. Es wird eher leise gesprochen, es wird überlegt und abgewogen – aber was bedeutet das? Sind die Teilnehmer erschlagen von dem Thema? Sind sie nachdenklich oder paralysiert? Man könne ja mal, fordert die Kollegin uns auf, die Diskussionen ein bisschen anheizen. Das sorgt zwar für etwas Irritation, letzten Endes bleibt die Debatte aber ruhig und besonnen.
Im Plenum diskutieren wir dann Fragen der Haltung. Müssen oder dürfen Psychotherapeuten politisch sein? Ist die Klimakrise überhaupt ein „Politikum” oder nicht doch eher eine Tatsache? Es gibt allerhand zu klären, schließlich betrachten wir diese komplizierten Fragen ja aus sechsfacher (!) Sicht. Da müsse man sich doch mal einig sein, fordern Teilnehmer. Da müsse man doch erstmal die jeweils eigene Position klarmachen, halte ich dagegen. Das sei doch alles sehr abgehoben, wendet eine Teilnehmerin ein, und vor allem völlig euro-zentristisch. Wie solle das bitteschön interkulturell funktionieren, was hier diskutiert würde?
Am Vormittag des zweiten Tages bearbeiten wir ein fiktives Fallbeispiel. Ich erlebe die Atmosphäre inspiriert und gelöst. Wir sind in unserem Element, denke ich. Verfahrensspezifische Positionen werden deutlicher, gleichzeitig entstehen Brückenschläge und Gemeinsamkeiten. Aber wo bleibt jetzt auf einmal die Klimakrise? Die haben wir mal kurz vergessen. Wieder tauchen die großen Fragen vom Vortag auf. Drei unterschiedliche Positionen kann ich ausmachen.
Die einen (ich nenne sie hier mal die „Engagierten”) meinen, Klimakrise sei keine politische Haltung, sondern eine wissenschaftlich bewiesene Tatsache. Die Selbstzerstörungskräfte, die hier am Werk sind, müssen notwendigerweise Teil von jeder Therapie sein. Das sei noch nicht mal politisch, sondern einfach menschlich.
Die anderen (ich nenne sie die „Abstinenten”) halten dagegen, dass wir als Psychotherapeuten weltanschaulich, religiös und politisch neutral sind. Es dürfen keine Wertungen vorgenommen werden, deshalb müsse ein Psychotherapeut abstinent bleiben. Allerdings sei es sehr wichtig, sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen. Es wird deutlich, dass es zwischen diesen beiden Positionen eine Dynamik und Variabilität gibt. Man müsse ja auch abwägen, wird gesagt, von Fall zu Fall.
Eine dritte Position bildet sich heraus, ich nenne sie für mich die „Puristen”. Die Puristen vertreten die Meinung, dass Klima, Krise und Gesellschaft keine Bestandteile des psychotherapeutischen Diskurses sein dürfen. Und am allerwenigsten sei ein Ausbildungsinstitut dafür der richtige Ort. Psychotherapie handele von Psychotherapie und von nichts anderem.
Es wird am Schluss sehr persönlich und sehr emotional.
Und die nächste Ringveranstaltung? Transgender, wünscht sich eine Teilnehmerin, das sei doch dann mal wirklich kontrovers! Interkulturalität, meint ein anderer, das sei doch nun klar, dass das dran sei. Noch andere wiegen bedenklich den Kopf: nee. Lass mal wieder so machen wie früher, ein Fallbeispiel und sechs Rollenspiele zu den Therapieverfahren.
Nachts liege ich wach. Zwischen den Bäumen auf dem Grundstück meiner Gastgeber rumpelt und raschelt es. Sind das die Bilche? Natur, denke ich genervt und drehe mich auf die Seite, lass mich doch in Ruhe schlafen! Fragen schießen mir durch den Kopf. Wer sind wir und wer wollen wir sein? Müssen wir uns einig werden oder dürfen wir kontrovers bleiben? Müssen wir privat politisch sein und beruflich abstinent? Oder andersherum? Was wird denn jetzt aus uns? Und wie verhält sich das Institut zu alledem?
Etwas gerädert stolpere ich am nächsten Morgen in die Mitgliederversammlung. Ganz am Ende eines produktiven Treffens – wir sind alle müde und wollen nach Hause oder an die Sonne oder nochmal baden – hat eine Kollegin einen Vorschlag. Sie habe Kontakt zu Parents for Future, da könne man doch auf deren Homepage auf unsere Ringveranstaltung hinweisen. Sofort kommt Bewegung in die müde Menge, eine Kontroverse bricht los: tolle Idee! – viel zu politisch! – irrelevant, man wolle außerdem mal los … Also stimmen wir ab. JETZT, denke ich etwas zu pathetisch, jetzt wird es sich zeigen, wo wir wirklich stehen. Wer denn nun dafür sei? Beklommen schließe ich die Augen und hebe die Hand …
Sören Hoppe
| Impulsvortrag | Beatrice Jost, Psychologists / Psychotherapists for Future e.V. |
| Moderation World-Café | Babett Nimschowski, Psychologists / Psychotherapists for Future e.V. |
| Graphic Recording | Mimi Hoang |
| Fotos | SIMKI e.V. |
| Konzeption, Moderation | Cornelia Brückner, Heike Rodigast, Sören Hoppe (SIMKI e.V.) |